Nachruf auf die Nachhaltigkeit

Sina Trinkwalder
Foto: privat
Nachhaltigkeit, Ökologie und Ähnliches
Wir sind in Vereinigungen eingetreten, die Nachhaltigkeit, Ökologie und Ähnliches besiegeln. Auf der heutigen Nachhaltigkeitspreisverleihungsveranstaltung (furchtbares Wort) sprach Dr. Rehn, Gründer der Kette Alnatura, davon, dass er “Wirtschaftsarzt” werden wollte, “durch Wirtschaft heilen”.
Besser kann man den Nagel nicht auf den Kopf treffen, denn es zeigt auf, wie sich die Damen und Herren der Nachhaltigkeit sehen. Als Heilsbringer. Aber: Man kann nicht durch Wirtschaft heilen. Nachhaltigkeit ist keine Heilbringende Lösung. Zumindest nicht, was hier, in unserem Land als “nachhaltig” gehalten wird.
Vorbeugen statt kurieren
Ich wollte nie “Wirtschaftsarzt” werden. Wenn ich dieses Bild aufgreifen darf, war und ist es mit manomama mein Ziel, präventiv zu handeln: vorbeugend, um anschließend nicht kurieren zu müssen. Nachhaltig eben. Aber irgendwie ist meine Nachhaltigkeit eine andere.
Ich hatte gestern ein langes Telefonat mit dem Betreiber eines Nachhaltigkeitsverzeichnisses. Grund hierfür war, dass manomama dort nicht gelistet werden konnte. Warum? Der Inhaber des Rankings hat es perfekt getroffen: “manomama hat die Problematik, so nachhaltig zu sein dass sie außerhalb des Vergleichbaren und Messbarem landen.”
Nur Vergleichbares messen
Ich bekam wundervolle Tipps wie: “Erwähne doch auf deiner Homepage, dass ihr mit Ökostrom hostet und die Produktion betreibt, kauft ein bisschen fairtrade-Rohwaren aus den Dritte Welt Ländern hinzu… das gibt schon wieder drei Punkte!”. Auf meine Frage, ob dass nicht Verarsche sei, bekam ich die Antwort, nein. Schließlich messe man bei allen Rankings nur quantitative Informationen.
Mit den Informationen von gestern war mir dann auch klar, warum Lidl auf einmal megafair gerankt wird. Reicht ja, ein paar fair gehandelte Kekse im Regal zu stapeln und die Website auf Ökostrom betriebenen Servern zu hosten.
Auch war mir klar, warum C&A auf einmal das TOP-nachhaltige Unternehmen Deutschlands ist, retten sie doch mit ein bisschen indischer Biobaumwolle die Welt. Aber nicht meine. Und nicht die unserer Kunden und Kundinnen, die darauf vertrauen, dass es wirklich anders geht.
"Sie reden und ränken sich schön"
Die ganzen Dampflauderer und Siegelvergabestellen rund um grüne, nachhaltige und strategische Themen, sie reden und ränken sich schön. Allesamt optimieren sie nur das Falsche.
Die wahren Helden der Nachhaltigkeit kümmern sich nicht darum, quantitativ messbare Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen, sie arbeiten im Stillen an einer neuen Wertschöpfung. Für all jene, die ernsthaft einen neuen Weg gehen, ist Nachhaltigkeit kein Wegbegleiter, denn das würde das Handeln abwerten.
Jeden Tag aufs Neue fragen
Ebenso verhält es sich mit Siegeln. Auch hier wird nichts Anderes gemacht, als bestehende Regeln enger zu fassen. Es werden keine neuen aufgestellt.
Ich möchte euch ein Beispiel geben: IVN. Die Richtlinien des internationalen Textilverbands. Derzeit das Strengste, was es überhaupt gibt. Auch wir sind Mitglied als Hersteller und Vertrieb dort und mein Ziel zu Beginn von manomama war es, diese “strengen” Richtlinien zu schaffen.
Also, man sagte, sie seien streng. Heute erwähne ich nicht mehr, dass wir nach IVN-Richtlinien arbeiten. Weil es unsere Arbeit, unsere Anstrengung, ökologisch sinnvolle Produkte unter Einbezug der cradle2cradle-Idee herzustellen, abwerten würde.
Warum? Weil wir eben keine Produkte schaffen unter der Frage: “Ist das erlaubt gemäß Standard xy?”. Jeden Tag aufs Neue fragen sich meine Lieferanten und wir: “Wie könnten wir es neu gestalten? Sinnvoll, ökologisch und naturverträglich?”
Die Wegbereitung einer neuen Wertschöpfung ist es, das Richtige. Und hat mit dem, was als “nachhaltig” verpackt wird, nichts zu tun. Ruhe sanft, Nachhaltigkeit.
Direkt zu Sina Trinkwalder und manomama



