01.02.2012, Naturefund

Land unter auf der Insel Kirr

Kräftiger Wind
Foto: Dr. H. Fried

Hohe Wasserstände an der Ostseeküste sind im Winterhalbjahr nicht ungewöhnlich. So ereignete sich am 14. Januar bereits das zweite Hochwasser im Jahr 2012 an der Ostseeküste.

Sturmtief Andrea fegte über die Ostsee

Nachdem Sturmtief Andrea schon am 5. und 6. Januar über die westliche Ostsee fegte, sorgte nun Sturmtief Elfriede mit Windstärken von 6 bis 8 auf der Beaufortskala für Pegelstände von bis zu 1,40 m über dem mittleren Wasserstand! Kräftige nördliche Winde drückten das Wasser an die südliche Küste und führten zum Wasseranstieg – auch in den Lagunen der Ostsee.

So war selbst von der sonst nur wenige Dezimeter über dem Wasserspiegel liegenden Insel Kirr bis auf die Baumgruppe um das ehemalige Gehöft und jetzige Ferienobjekt und einige verschilfte Uferstrukturen kaum noch etwas zu sehen. Solche regelmäßigen Überflutungen der Viehweiden mit Brackwasser sind neben der Beweidung eine wichtige Voraussetzung zum Erhalt des Salzgraslandes auf dem Eiland.

In stürmischen Zeiten steigt die See

Doch warum treten besonders im Winterhalbjahr Sturmfluten auf und wie entstehen sie? Ganz einfach: es sind vor allem solche Tiefdruckgebiete der Westwinddrift wie Andrea und Elfriede, die auf charakteristischen Zugbahnen die Ostsee überqueren und besonders im Winter Starkwinde mit Hochwasserfolgen hervorrufen.

Doch eine ganze Reihe weiterer meteorologischer und hydrologischer Vorgänge wirken bei diesen herausragenden Naturereignissen zusammen. Bei Sturmfluten an der deutschen Ostseeküste spielt die Gestalt der Ostsee als lang gestrecktes Flachmeer mit relativ schmaler Verbindung zur Nordsee und den Weltmeeren eine ganz wesentliche Rolle. Außerdem beeinflussen folgende Vorgänge die Sturmflutentstehung:

Wenn der frische Westwind weht - Füllungsgrad

Tage- bis wochenlang anhaltende Stürme aus Südwest bis West drücken das Ostseewasser in die nordöstliche Ostsee. Über die Belte und Sunde strömt entsprechend mehr Nordseewasser in das Ostseebecken.

Das Auffüllen der Ostsee bewirkt einen Pegelanstieg um bis zu 0,5 Meter. Laut Information des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie war der Füllungsgrad der Ostsee beim letzten Sturmhochwasser sehr hoch.

Der Badewannenschwappeffekt

Sobald die Winde abflauen oder gänzlich zur Ruhe kommen, schwingen die Wassermassen im langgestreckten Ostseebecken zurück – ähnlich schwappt es in einer Badewanne.

Der so verursachte Schwingstau kann einen zusätzlichen Wasserstandsanstieg von bis zu 1,0 Meter verursachen.

Auflandiger Wind - Windstau

Fegen für einen längeren Zeitraum kräftige nördliche Winde über große Teile der Ostsee, so wie mit der nach Südosten durchziehenden Elfriede, werden erhebliche Wassermengen nach Süden transportiert. Sie stauen sich in unseren eher flachen Küstengebieten.

Der Windstau lässt die Pegel um bis zu 2,0 Meter über Normal-Mittelwasser ansteigen und ist damit der Hauptfaktor der Sturmflutentstehung.

Buchtenstau

Strömen die sich auf die Küste zubewegenden Wassermassen in eine Küstenbucht, so wird durch die Buchtenenge und durch die abnehmende Wassertiefe ein weiterer Staueffekt auf das einströmende Wasser ausgelöst.

Das salzige Wasser der Ostsee fließt somit auch in die Lagunen der Ostsee. Durch die Enge des Gellenstroms und der Barhöfter Rinne verzögert sich der Zustrom des Wassers, so dass die Spitzenwerte in den Boddengewässern erst gemessen werden, wenn die Pegelwerte an der Außenküste schon wieder sinken. Der Buchtenstau kann einen Wasserstandsanstieg von nochmals 0,5 m bewirken.

Diese Effekte haben am 14. Januar teilweise überlagert – kein Wunder also, dass auf der Insel Kirr „Land unter“ herrschte. Inzwischen hat sich die Hochwassersituation entspannt. Das Hochdruckgebiet „Cooper“ aus Sibirien lässt unterdessen die ersten Boddengewässer zufrieren.

Direkt zum aktuellen Schutzprojekt

Quellen:
Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie, Informationen zur Ostseesturmflut vom 06.01.2012 und vom 14.01.2012

Regelwerk Küstenschutz Mecklenburg-Vorpommern, Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz M-V (Hrsg.), 1. Aufl. 2009