08.03.2017, Denis A. De La Barra Saavedra

Landwirtschaftliche Produktion in Harmonie mit Natur

Foto: Denis De La Barra

Denis de la Barra erzählt die Geschichte von Tomas und Jacinto, die in Bolivien zusammen den dynamischen Agroforst kennenlernen und erfolgreich anwenden.

Aus unserer Erlebnis-Reihe zum dynamischen Agroforst in Bolivien, von Denis A. De la Barra Saavedra

Vorgeschichte

Etwa 40km entfernt der Großstadt Cochabamba im Hochland von Bolivien lebt der Kleinbauer Jacinto mit seiner Frau Magnolia und den drei jugendlichen Kindern Arawi (16), Tarco (14) und Paqar (12). Ihre letzte Ernte war auf den mageren Ackerböden aufgrund des Regenmangels schlecht ausgefallen. Der Kauf von Pflantenschtzmitteln hatte ebenfalls ein großes Loch in die Haushaltskasse gerissen. Deshalb musste Magnolia sich entschließen, Produkte die sie im Großhandel erworben hat, auf dem Markt weiterzuverkaufen.

Eines Tages traf Jacinto seinen Nachbarn Tomas. Dieser pendelt ständig zwischen seinen Äckern im Hochland und im Tiefland.

Neue Anbaumethode

Tomas erzählte Jacinto von einer neuartigen Anbaumethode. In dieser werden auch Bäume in die landwirtschaftliche Nutzungsfläche einbezogen. Die Bäume würden den Boden vor Erosion durch den Wind und den Platzregen schützen. Außerdem würden sie ein wohltuendes Mikroklima in der Parzelle bewirken und den Einsatz von Agrochemie verringern. Die natürlichen Nützlinge würden sich wieder ansiedeln und zudem sich die Bodenfruchtbarkeit verbessern. Weil Tomas so sehr von dieser neuen Produktionsmethode überzeugt ist, will er diese jetzt auch auf seinen Äckern im Dorf einsetzen.

Durchführung der neuen Methode

„Demnächst wird ein Freund kommen, der sich sehr gut darin auskennt“, sagte Tomas. „Warum bist du nicht einfach dabei und lernst mit mir die Anwendung von Agroforst?“ fragte er Jacinto.

„Klar, ich bin dabei, sag mir Bescheid wann ich kommen soll“ lautete dessen Antwort.

Als Tomas beim Nachhauseweg an seinen Äckern vorbeikam fragte er sich, ob die grau verbrannten Äcker in einigen Jahren wieder fruchtbar sein könnten. Er dachte sich, er könne es mal versuchen, denn schließlich habe er ja nichts zu verlieren.

Ein paar Tage später kam Tomas mit seinem Freund Felipe, dem Wissenden über den nachhaltigen Landbau mit Bäumen und Sträuchern, bei Jacinto vorbei. Zusammen gingen sie zu einem der Äcker von Jacinto. Magnolia und die drei Kinder hatten sich ihnen angeschlossen. Auf dem Acker nahm Felipe eine Hand voll mit Erde und zeigte diese herum: „Es gibt immer weniger Ernte“, sagte sie. Die Anwort von Jacinto erfolgte schnell: „Es gibt immer weniger Ernte“:

„Genau, das ist es,“ erwiderte nun Felipe. „Schauen wir doch mal in das Wäldchen dort in der Schlucht“.

Prinzip des andersartigen Anbauens

Jedes Blatt das darin auf dem Boden fällt besteht aus Nährstoffen, die die Pflanze dem Boden entnommen hat. Die dortigen Bäume erhalten also über den Blattfall, der sich mit der Zeit zersetzt, immer wieder zurück, was die dem Boden entzogen haben. Deshalb ist der Boden dort immer fruchtbar und feucht. Er wird sogar immer fruchtbarer, denn die Wurzeln dringen mit jedem Jahr tiefer in die Erde hinein, um sich mit den Nährstoffen für ihr Wachstum und ihre Blätter zu versorgen. Die Blätter fallen dann als Laub auf die Erdoberfläche und schützen diese zuerst als Mulchdecke, so dass die Erde weder austrocknet, noch die Nährstoffe ausgewaschen werden. Später düngen diese Blätter durch ihre Verkompostierung den Boden.

Jacinto begriff folgendes sofort: „Ja, wenn die großen, schweren Regentropfen durch die Blätter der Bäume zernebelt werden, dann ist ihre Wucht auf den Boden abgeschwächt und sie können keine Erosion mehr verursachen.“

Genau so ist es. Deshalb ist es so tragisch, dass wir die Bäume rund um unsere Äcker abgeholzt haben. Nun kann der Traktor besser in den Ecken pflügen, aber die natürliche Schutzdecke des Bodens zerstört. Wenn es regnet kann das Wasser nicht so schnell in den Boden einziehen, wie es auf die Erde platscht und wenn dann das Regenwasser wegen der Hanglage in Bächen abläuft, schwemmen darin die Bodennährstoffe unwiederbringlich fort. Die Vegetation rund um die Äcker war auch deshalb sinnvoll, weil darin alle Nützlinge ihr Habitat hatten und so die schädlichen Insekten auf natürliche Weise bekämpft wurden. Wir haben also das natürliche Gleichgewicht empfindlich gestört und müssen nun chemische Pflanzenschutzmittel einsetzen, die wiederum in die natürlichen Abläufe eingreifen. So ist der Kunstdünger kein Ersatz für den Kompost, denn er enthält nicht alle Nährstoffe, die die Anbaukulturen benötigen. Diese sind aufgrund der Mangelernährung wiederum geschwächt und werden eher von Schadinsekten und Krankheiten befallen. Das lässt uns wieder zu Schädlingsbekämpfungsmittel greifen uns so schaden wir mehr und mehr unserer Lebensgrundlage, dem Ackerboden.

Die Planung

„Was können wir den jetzt machen?“ rief Jacinto's Sohn Paqar.

„Nun, wir müssen erreichen, dass wir unsere Äcker in Harmonie mit der Natur bringen,“ war die Antwort.

„Und wie soll das gehen?“ fragte Jacinto.

„Die landwirtschaftliche Produktion muss ähnlich durchgeführt werden wie wir es in der unberührten Natur beobachten können. Das bedeutet, es werden einheimische Bäume und Sträucher, Obstgehölze, Getreide, Kartoffeln und Gemüse in einer Mischkultur angebaut. Die Blätter der Bäume düngen den Boden von oben, und unter der Erde unterstützen die Wurzeln der einheimischen Arten die Obstgehölze und das Getreide und Gemüse. Diese sind gut an das hiesige trockene Klima angepasst. Diese Kombination aus Bäumen, Sträuchern und Anbaukulturen nennt man Agroforst. Agro bedeutet Landbau und mit Forst sind die unterstützenden Bäume gemeint.“

„Mhm, irgendwie leuchtet mir das ein. Ich bin interessiert es auszuprobieren, was meinst du, Magnolia?“ wandte Jacinto sich an seine Frau.

„Lass uns noch darüber beraten, es wird bestimmt nicht gratis sein“ war deren Antwort.

„Gut, dass du das ansprichst, Magnolia,“ griff Felipe das Thema auf. „Ihr sollt wissen, dass ich für meine Beratung nichts verlange. Die ist für meinen Freund Tomas, dem ich was schuldig bin. Ihr macht in eurer Parzelle alles so wie er es euch vormacht und damit lernt ihr wie es geht. Es gibt allerdings folgende Bedingung: ein Maschendrahtzaun rund um die anzulegende Parzelle. Denn sobald euer Schwein oder eure Hühner darin wühlen ist alle Arbeit für die Katz'. Die Bäume, Obstgehölze und das Saatgut müsst ihr ebenfalls auf eigene Rechnung kaufen. Ruft mich, wenn ihr soweit seid, ich bin die ganze Woche bei meinem Freund Tomas zu finden“.

Das Gespräch zwischen Jacinto und seiner Frau Magnolia ergab, dass sie die Investition wagen wollten, vor allem auch, weil ihre drei Kinder von der Idee begeistert waren. Arawi wollte für das Gemüse verantwortlich sein. Die beiden Buben freuten sich auf das Obst.

Ein paar Tage später war der Zaun aufgestellt und Felipe zeigte Jacinto und seiner Familie wie man die Implementierung der Agroforstparzelle plant.

„Du nimmt ein Papier mit Kästchen,“ sagte Felipe zu Jacinto. „Jedes Kästchen zählt einen Meter. Deine Parzelle ist 30 Meter lang und 20 Meter breit und somit 600 Quadratmeter groß. Nun werden wir die Baumreihen in die Parzelle eintragen. Höhere Bäume und Obstgehölze benötigen sechs Meter Abstand, für mittelhohe Bäume und niedrige Obstarten genügen drei Meter. Letztere können wir also in die Reihe zwischen die höheren Arten stellen. Dazwischen, also auf 1,5 Meter Abstand werden Beeren oder heimische, beziehungsweise bodenstickstofffixierende Büsche gepflanzt. Wichtig ist, dass in der Reihe verschiedene Obstbaumarten stehen und auch die heimischen Bäume und Sträucher möglichst viele verschiedenen Arten einbeziehen. Zwischen den Reihen lässt man am besten fünf oder sechs Meter Platz für den Gemüseanbau.

Wichtige Bedingungen

Da dein Boden relativ frei von Steinen ist sollten die Pflanzlöcher für die Obstgehölze 60 cm tief sein und 60 cm Durchmesser haben. Das Substrat für diese Löcher müsstest du mit Kompost anreichern. Für die heimischen Arten genügen Löcher von 40 x 40 cm, denn deren Wurzeln sind stark und sie sind generell besser angepasst an unser hiesiges semiarides Ökosystem. So, jetzt könnt ihr aussuchen welche Obstsorten ihr in der Parzelle haben wollt und auch die Begleitbaumarten bestimmen. Dann zählt ihr die Pflanzen zusammen und macht eure Einkaufsliste. Ganz wichtig ist, die Obstbäume nur in ausgesuchten Baumschulen zu kaufen, damit ihr sicher sein könnt gesunde Pflanzen zu erhalten.“

Die Anwendung

Nach einigen Tagen waren die Pflanzlöcher vorbereitet und alle Pflanzen gekauft. Daraufhin fand die Auspflanzung an den frühen Vormittagen und späten Nachmittagen statt, denn bei praller Sonne kann dies bei Jungpflanzen zu viel Stress verursachen. Wie üblich wurde jede Pflanze nach der Auspflanzung mit einem Eimer Wasser gegossen.

Als die gesamte Parzelle bepflanzt war, kam Felipe, um sie sich anzuschauen. Er lobte die geleistete Arbeit, machte jedoch folgende Anmerkung: „Die Erde zwischen den kleinen Bäumen liegt nackt und schutzlos, das heißt am Tag brennt die Sonne darauf und in der Nacht kühlt sie aus. Ihr solltet unbedingt Stroh und Laub auf der Parzelle ausbringen. Damit erspart ihr euch auch ein allzu häufiges Gießen der Jungpflanzen, denn diese Mulchschicht schützt gegen Austrocknung.“

„Du hast Recht,“ erwiederte Jacinto. „Wir sind es halt gewohnt keinen sogenannten Abfall auf der Erde liegen zu lassen; hierin müssen wir lernen umzudenken.“

„Ja, das müsst ihr unbedingt lernen!“ sagte Felipe. „Organisches Material ist kein Unrat, sondern im Gegenteil sehr wertvoll, denn daraus wird fruchtbare Erde. Und die bringt euch gute Ernten. Zwischen den Baumreihen könnt ihr nun säen was ihr wollt. Nur eines solltet ihr beachten: Wo ihr dieses Jahr Kartoffeln gesetzt habt, dort sät ihr im kommenden Jahr etwas anderes aus, zum Beispiel Erbsen oder Bohnen. Ihr könnt auch Mais mit Bohnen mischen. Wichtig ist, dass ihr verschiedene Feldfrüchte zwischen die Bäume und Sträucher setzt. Dann kann sich kein Schadinsekt so vermehren, dass es Schaden anrichtet.“

Das letztliche Ergebnis

Jacinto, Magnolia und ihre drei Kinder gaben sich in den kommenden Jahren redliche Mühe mit ihrer Agroforstparzelle, und diese Mühe wurde von reichhaltigen Ernten belohnt. Jedenfalls fehlte es nicht an Gemüse für den Kochtopf. Die Obstgehölze benötigten ihre Zeit bis zum ersten Fruchtansatz. Alle lernten sie dazu und die gemeinsame Arbeit in der Agroforstparzelle gehörte rückblickend zu den schönsten Momenten ihres Alltags. Zwar lachten die Nachbarn anfangs über die Parzelle, vor allem über die Unordnung in der Pflanzenanordnung und auch über die Mulchdecke auf den Baumscheiben, denn für sie war es Unrat. Als sie aber erkannten, dass die Erntemenge aus der Parzelle stetig blieb, obwohl kein Kunstdünger eingesetzt wurde und sich dort auch keine Schadinsekten tummelten, obwohl Jacinto keine Pestizide mehr kaufte, wurden sie neugierig und einige fassten den Mut es Jacinto nachzumachen.

Jetzt ist es Zeit für Veränderungen.
Es liegt an dir und an mir diese einzuleiten.
Fangen wir damit an!

Autor des Artikels: Denis La Barra
Übersetzung ins Deutsche: Noemi Stadler-Kaulich

Viele weitere Infos zum Dynamischen Agroforst finden Sie in unserem Projektbereich:
Dynamsicher Agroforst