In der Schuldenfalle: kein Ausweg für die ärmsten Länder

Die Erfolgsmeldungen täuschen. Die Lage der Armen wird nicht besser. Der Schuldennachlass und andere Hilfsversprechen aus dem reichen Norden reichen nicht aus, um die Krise der Entwicklungsländer zu überwinden.

Schulden übersteigen häuftig Wirtschaftsleistung

Im Jahr 2003 betrugen die Auslandsschulden der Entwicklungs- und Schwellenländer etwa 2,53 Billionen US-Dollar. 2005 war Brasilien mit 211 Milliarden Dollar am höchsten verschuldet, es folgten Mexiko mit 174 und Argentinien mit 119 Milliarden Dollar.

Doch so hoch die Schulden dieser drei Länder in Lateinamerika auch sein mögen: Aufgrund ihres nationalen Reichtums tragen sie wesentlich weniger schwer an der Last als die ärmsten Länder der Welt, deren Schulden häufig ihre gesamte Wirtschaftsleistung eines Jahres übersteigen.

Zunehmende Auslandsverschuldung

Die Gesamtauslandsverschuldung der knapp vierzig so genannten einkommensschwachen Länder beläuft sich auf eine Summe von über 520 Milliarden Dollar. In einigen von ihnen, etwa in 16 Staaten Subsahara-Afrikas, hat sie mittlerweile Rekordwerte erreicht.

In Sao Tomé und Principe, Liberia und Guinea-Bissau liegen die Schulden beim Dreifachen des jeweiligen Bruttonationaleinkommens. Einer der Rekordschuldner auf dem amerikanischen Kontinent ist Nicaragua mit 172 Prozent des BNE.

Zonen der Hoffnungslosigkeit

Zonen der Hoffnungslosigkeit

Foto: © Le Monde diplomatique

Schuldennachlass als einzige Option

Angesichts dieser astronomischen Zahlen, und damit die betroffenen Länder überhaupt wieder Luft zum Atmen haben, bleibt den Gläubigerländern und internationalen Finanzinstitutionen seit einigen Jahren nur noch die Option des Schuldennachlasses. Anders lässt sich das angestrebte Wachstum nicht erzielen, das gebraucht wird, um die Lage wenigstens minimal zu verbessern.

»Nachhaltige Gestaltung« von Restschulden

Die jüngste Maßnahme in diesem Sinn war 1996 die HIPC-Initiatiave für die heavily indebted poor countries (hoch verschuldete arme Länder) mit 42 teilnehmenden Staaten. Anfang 2006 erfüllten etwa 20 Länder die Bedingungen des HIPC-Programms. Dies führt zum Erlass von 50 bis 60 Milliarden Dollar Schulden, die in den nächsten 40 Jahren fällig geworden wären, also weniger als 2 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Initiative reicht bei weitem nicht aus, um für diese Länder die Gesamtschuldenlast zu lindern. Es geht ihr erst recht nicht um deren Überwindung, sondern allein um die »nachhaltige Gestaltung« von Restschulden, die weiterhin in den Büchern stehen. Zugleich verhindern strikte Auflagen, dass die Volkswirtschaften wieder auf die Beine kommen und sich die soziale Lage in diesen Ländern bessert.

Industrieländer höher verschuldet als Entwicklungsländer

Die reichen Länder des Nordens sind mit etwa 35 Billionen Dollar, rund 90 Prozent der Kredite weltweit, viel höher verschuldet als die Entwicklungsländer. Allein die USA stehen mit 7,6 Billionen Dollar in der Kreide. Das ist das Dreifache der Gesamtverschuldung der Länder des Südens.

Auf Rang zwei bis vier folgen Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Dabei stehen in diesen Ländern nur 40 bis 60 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts aus – aber jedes Prozent, das die Regierungen der Industrieländer in ihren Haushalten einsparen wollen, löst enorme Proteste aus.

In Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens geht es hingegen um viel brutalere Einschnitte – den Protesten dagegen sprechen die hiesigen Politiker und Bürokraten jede Berechtigung ab.

Erdrückende Schulden

Erdrückende Schulden

Foto: © Le Monde diplomatique

Entwicklungsländer finanzieren Defizite der Industrieländer

Zudem finanzieren die Schuldner aus dem Süden, die keine neuen Kredite mehr bekommen, aus ihren Rückzahlungen einen Teil der Defizite der reichen Nationen. So transferiert Subsahara-Afrika, anerkanntermaßen die ärmste Region der Welt, seit 1995 jährlich 1,5 Milliarden Dollar mehr in den Norden, als es erhält.

Nigeria hat Anfang 2006 aus Öleinnahmen die letzten 30 Milliarden Dollar an den Norden zurückgezahlt, obwohl drei Viertel der Menschen dort von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen.

Realisierung der Konsequenzen?

Addiert man zu den Zahlungen für den Schuldendienst noch die Vorteile, die die Unternehmen aus dem Norden aus ihren Investitionen im Süden ziehen, sowie die Geldanlagen der dynamischsten Länder des Südens – beispielsweise Chinas, dem ein beträchtlicher Teil der US-Schulden gehört, das aber auch eigene Interessen in rohstoffreichen Entwicklungsländern entwickelt hat –, ergeben sich enorme Geldströme.

Beginnen die Weltmächte langsam zu realisieren, welche verheerenden Konsequenzen dieses Ungleichgewicht auf dem Planeten hat? Sind der erklärte Wille der internationalen Finanzinstitutionen, den Schuldenabbau voranzutreiben, und die Afrika-Initiative Tony Blairs Anzeichen dafür?

Foto: © Le Monde diplomatique

Finanzpolitik der Industrieländer nicht ausgereift

Anlässlich des G-8-Gipfels im Juli 2005 beschlossen die reichen Länder, zusätzlich die multilateralen Schulden von 18 armen Staaten zu streichen. Das war insgesamt ein Betrag von 48 Milliarden Dollar und in keiner Weise ausreichend, die Probleme zu lösen. Wiederum waren damit strenge Auflagen verbunden. Unberücksichtigt blieben im Übrigen die bilateralen Kredite, deren Umfang weit über die multilateralen Darlehen hinausgeht.

Die finanziellen Bemühungen des Nordens angesichts dieser Lage sind also bestenfalls bescheiden, und Optimismus ist fehl am Platz. Zwar kann sich ein Schuldnerland mit mittlerem Einkommen wie Argentinien auch über das IWF-Diktat hinwegsetzen und seinen privaten Gläubigern vorschlagen, Kredite zu seinen eigenen Bedingungen zurückzukaufen. Doch den ärmsten Ländern steht dieser Ausweg nicht offen. Sie müssen auf den hypothetisch guten Willen derjenigen hoffen, die immer noch »Geber« genannt werden.

Autorin: Sophie Bessis

Sophie Bessis ist Wissenschaftlerin und Autorin von „L'Occident et les autres“, Paris (La Découverte) 2003.